Ethik

In seinem Dialog „Protagoras“ erzählt Platon folgende Geschichte:

„Der Mythos erzählt, wie Prometheus den Göttern das Feuer – die Energie- und das zu seiner Verwendung notwendiges Wissen gestohlen hat, um das Mängelwesen Mensch wenigstens im technischen Sinne überlegensfähig zu machen, wie die Menschen dann aber in Streit miteinander gerieten, sich zerstreuten und umkamen. So waren sie trotz der nun hinreichend verfügbaren Energie nicht wirklich lebensfähig, weil sie die Politike Techne noch nicht kannten, die Politische Kunst, d.h. weil sie noch nicht in Frieden miteinander leben konnten. Darauf hin sandte Zeus den Hermes, um den Menschen die für das Zusammenleben – über die physischen Voraussetzungen hinaus – notwendige Ordnung zu geben. Was den Menschen zu dieser Ordnung noch fehlte und was Hermes ihnen somit brachte, war aber gerade die wechselseitige Achtung und das Recht (Aidos te kai diken, Protagoras 322c2), also die Kunst der gegenseitigen Rücksichtnahme.“

(Klaus Michael Meyer- Abich genauer Nachweis, S.107)

In dieser Kurzfassung lassen sich die Elemente unsres Faches Ethik finden, die in den Jahren der Schulzeit ausgefaltet werden können.

In diesem Mythos, also einer erzählend-bildhaften, wahrscheinlichen Darstellung, erklärt Protagoras, wie Menschen gelernt haben zusammenzuleben und damit, was das Menschsein ausmacht und ermöglicht.

Da sind also zunächst die Menschen, deren Bedürfnis es ist, zu leben und zu zusammenleben, und die dies nicht können, obwohl sie doch einiges an Fähigkeiten und Möglichkeiten dazu haben. Sie sind besondere „Tiere“, die nur als „zoon politikon“ und „zoon logon echon“ (also als soziales und vernunftbegabtes Wesen) leben und überleben können. Eine Problemlösung, ein Instrument hat ihnen Prometheus gegeben: das Feuer.

Sie können sich damit wärmen, können Nahrung variantenreich zubereiten, handwerkliche Geräte verfertigen: Das Feuer spendet Licht, so dass man auch in der Nacht miteinander kommunizieren kann. Die Menschen müssten also lebensfähig sein. Dass sie dies eben aber zunächst nicht können, erklärt Protagoras vorher so: Tiere sind von vorne herein mit einer besonderen Ausstattung versehen, die sie als je besondere Lebewesen überleben lässt – Klauen und Reißzähne, Instinkte und vorgegebene Verhaltensweisen, Sinnesorgane in je verschiedener Ausführung, unterschiedliche Behausungen und eine unterschiedlich große Anzahl an Nachkommen. Alle haben sind spezifische Nahrungsquellen zugeordnet und für sie  bestimmte Umwelten.

Der Mensch aber, so Protagoras, ist ein Mängelwesen und deshalb von den Tieren grundlegend unterschieden. Insbesondere ist das Zusammenleben nicht durch Instinkte geregelt, die Menschen erweisen sich, so wie sie sind, als „unverträglich“, als nicht zur Zusammenarbeit fähig und gefährden sich wechselseitig. Sie sind in Unfrieden.

Dieser Mythos wird vorgestellt in einer Zeit, in der die alten Autoritäten nicht mehr unbefragt gelten: Religion, Sitte und überliefertes Recht. Man musste also neue Antworten finden auf vorher unbefragt geltende Normen.

 

Die Antwort, die Protagoras auf das Überlebens- bzw. Lebensproblem gibt, ist von verblüffender Einfachheit: Sie brauchen wechselseitige Achtung und Recht:

  • Achtung, das bedeutet „soziale Gefühle“, die Bereitschaft und Befähigung zu Wechselseitigkeit. Dahinter steht auch die Frage, wie man glücklich sein kann.
  • Recht, das bedeutet objektive Verpflichtungen, die das Zusammenleben in der Gesellschaft und im Staat bindend festlegen.

Recht und Ehrfurcht brauchen nicht nur Spezialisten (damals etwa Handwerker), sondern alle Menschen, denn sie sind Voraussetzung des menschlichen Lebens überhaupt. Sie sind Ausdruck und Ermöglichungsgrund von Gemeinschaftlichkeit und von Personalität.

Damit haben wir den Ort des Ethikunterrichts bestimmt: Im Mittelpunkt (Zentrum) steht die Frage: Was ist der Mensch? Diese Frage und die Antworten darauf sind Thema des Faches der Ethik, die im Laufe der Jahre ausgefaltet werden:

Die elementaren Problemen(Fragestellungen) in der Unterstufe sind: Wer bin ich, wie will ich leben, ich und die anderen, Natur und Mensch, Erziehung, Liebe und Technik. Dabei geht man von den unmittelbaren Erlebnissen, Erfahrungen und der nahen Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen aus.

In der Mittelstufe und der und Oberstufe erweitern sich die Fragehorizonte, es wird zunehmend systematisch untersucht und geantwortet. Das eigene Leben, die nahe Welt wird zunehmend auf Prinzipien bezogen und umfassende Themenbereiche wie Freiheit, Gerechtigkeit, Technik, Religion und Gerechtigkeit systematisch erfasst. Die Schüler sollen den Reichtum der Fragen und Antworten der Tradition kennen lernen, sich aneignen und sie selbständig weiterdenken. Sie lernen die begleitenden Disziplinen der Pädagogik, Psychologie der Ökonomie, der Biologie überhaupt der Wissenschaften vom Menschen kennen.

Das Medium ist dabei die Vernunft. Diese Vernunft in ihren spezifischen Ausprägungen finden sie in allen Kulturen. Damit ergibt sich, bzw., soll sich ein Verständnis für Unterschiedlichkeit und Gemeinsamkeit herstellen. Das Fach Ethik ist damit eingebettet in die Geschichte der Menschen, in ihre Gegenwart und in eine hoffentlich gemeinsame Zukunft des Einzelnen und der Menschheit.

Zentral für den Ethikunterricht ist es, auf dieser Grundlage moralische Urteilsfähigkeit zu entwickeln, die die Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzt, moralisch zu argumentieren, nachzufragen, kritische Distanz aufzubauen, Entscheidungen abzuwägen, auch da, wo die Dinge immer unübersichtlicher werden und uns mit kaum lösbaren Dilemmata konfrontieren, damit zunehmend Verantwortung für sich, die Gesellschaft, ja schlussendlich die Menschheit wahrzunehmen.

 

Albert Schweitzer gibt eine elementare Antwort: „Ich bin Leben, das Leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

Kant sagt: „Handle jederzeit so, dass die Maxime (Prinzip/Grundsatz) deines Handelns Maxime einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte.“

In diesen Aussagen finden wir Pfeiler einer guten philosophischen Reflexion: Jedes Leben ist sich selbst Zentrum, so dass die Lebenszentren aufeinander bezogen sind. Wir Menschen sollten nach Grundsätzen denken und handeln, denen jedermann, sofern er vernünftig ist, zustimmen kann.

Das Fach Ethik bedenkt somit jene fundamentalen Gegebenheiten, die uns als Menschen ausmachen: Das Sein des Lebens überhaupt und die Aufgabe des Menschen, seine Existenz selbst zu bestimmen.

 

Paul Wachter